Drehen Studios immer noch solche Filme?
 
Was ist jetzt der Plan?
 
Als ich die Einladung zur Pressevorführung bekam, war ich aufgeregt. „Das gewisse Etwas“ ist einer der wichtigsten und interessantesten Filme der späten Stummfilmära. Coole Idee, ihn nun, vermutlich zum Hundertsten Jubiläum wieder in die Kinos zu bringen. Ach, was würde ich über diesen Film alles schreiben können. Clara Bow wurde durch diesen Film mit dem Originaltitel „It“ zum allerersten „It-Girl“. Der spätere Lebensweg dieser Darstellerin, mitsamt Karriereknick mit Einsetzen des Tonfilms und schweren psychischen Problemen, würde ausreichend Stoff für ein bewegendes Drama abgeben. Auch der männliche Hauptdarsteller Antonio Moreno konnte seinen starken spanischen Akzent in Tonfilmen nicht mehr verbergen und musste danach seine Karriere in Mexiko fortsetzen. Der junge Cary Cooper hatte in dem Film eine seiner ersten Rollen und so weiter und so fort …
 
Leider habe dann die Inhaltsangabe der Einladung lesen müssen: „Nach einem Juwelenraub verstecken sich Alex und sein Vater Karlo ausgerechnet bei einer Gruppe junger Erwachsener mit Beeinträchtigung, die mit ihren Betreuenden gerade in den Sommerurlaub aufbrechen. Die beiden Ganoven geben sich kurzerhand als der fehlende Mitreisende Otto und dessen Betreuer aus – eine fast perfekte Tarnung. Mit der Flucht vor der Polizei beginnt ein außergewöhnliches Abenteuer, das allen Beteiligten nicht nur ungeahnte Herausforderungen beschert, sondern auch jede Menge Spaß, große Gefühle – und eine neue Sicht auf das Leben!
 
Ich durfte also nicht über die Schizophrenie von Clara Bow und den späteren Werdegang von Cary Cooper berichten, sondern über das deutsche Remake des französischen Films „Un p'tit truc en plus“, den in Frankreich 11 Millionen (!) Leute und bei uns keine Sau gesehen hatte? Natürlich war ich enttäuscht. Und diese Enttäuschung ist nicht geringer geworden, seit ich den Film nun gesehen habe.
 
Das bringt mich zu meiner Frage vom Anfang zurück: Drehen Studios tatsächlich noch solche Filme, in denen sich ein „Held“ aus eigennützigen Motiven als Angehöriger einer Minderheit ausgibt, im Zuge der Handlung draufkommt, dass das die besseren Menschen sind und am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf? Ernsthaft? Solche Filme werden immer noch gedreht? Warum?
 
Ich kann mich noch erinnern, wie ich „Soulman“ vor bald 40 Jahren im Kino gesehen habe und mich damals schon gefragt habe, wer diese Story, rund um einen jungen weißen Mann, der sich für einen Afroamerikaner ausgibt, um ein Stipendium zu bekommen, für eine gute Idee halten konnte? Und es ist auch schon wieder zwanzig Jahre her, seit Til Schweiger (schon damals ein Garant für den sensiblen Umgang mit heiklen Themen in anspruchsvollen Filmdramen) sich in „Wo ist Fred?“ als Rollstuhlfahrer ausgegeben hatte um, wasweißdennichwas zu erreichen. Und jetzt muss ich feststellen, es werden nach wie vor noch immer solche Filme gedreht? Und darüber soll auch noch jemand lachen?
 
Naja, die Welt hat sich weitergedreht. Vielleicht dreht man solche Filme heute ganz anders? Möglicherweise hat Frankreich uns etwas voraus? Vielleicht würde das deutschsprachige Filmpublikum eine Überraschung erleben?
 
Spoiler: Nö. Für die Entscheidungsträger in Filmproduktionsgesellschaften hat sich die Welt nicht weitergedreht. Man hat diesen Film wieder genauso gedreht wie anno vorgestern. Der französische Unterhaltungsfilm steckt längst in einer ähnlichen Krise wie der Deutsche. Und nein, „Das gewisse Etwas“ lässt niemanden eine Überraschung erleben.
 
Für alle, die es aus der Inhaltsangabe noch nicht herauslesen konnten: Die Handlung des Films ist eines der idiotischsten Beispiele für einen „idiot plot“ (=eine Handlung, die nur funktionieren kann, weil sämtliche Protagonisten Idioten sind) in der, an „idiot plots“ nicht armen, jüngeren deutschen Filmgeschichte. Dass die Räuber ihr Fluchtfahrzeug auf einem Behindertenparkplatz abgestellt haben, ist dämlich. Dass sie überhaupt in den Bus steigen, ist ebenso dumm wie unnötig. Dass sie danach noch einen langen Urlaub mit dieser Reisegruppe verbringen, ist bescheuert. Dass keiner der Betreuenden Alex‘ „Behinderung“ durchschaut oder auch nur hinterfragt, ist strohdumm. Eine Szene unter der Dusche ist schon gefährlich blöd. Die Nebenhandlung rund einen Konflikt von Betreuerin Polly ist hohl. Und der gesamte Schluss, mit einer Runde Happy Ends für alle, ist reine Idiotie.
 
Je weniger über das wirklich hirnverbrannte Drehbuch berichtet wird, umso besser. Nur so viel: Autor Murmel Clausen hat bisher u.a. die Drehbücher zu Perlen der Unterhaltung wie „Vaterfreuden“, „Manta Manta – Zwoter Teil“ und einem knappen Dutzend Folgen der beliebten Krimireihe „Tatort“ verfasst. Weder er noch Regisseur Marc Rothemund haben irgendwann im Laufe dieses fragwürdigen Projekts das Offensichtliche bemerkt: nämlich dass ihr ungeschickter kleiner Film immer nur dann halbwegs funktioniert und interessant wird, wenn er die saudumme Handlung links liegen lässt und sich mal für ein oder zwei Szenen auf die Mitglieder der Reisegruppe mit dem gewissen Etwas konzentriert.
 
Guck sie Dir an und mach sie nach!
 
„Das gewisse Etwas“ wird nur dann erträglich, wenn er die Menschen mit dem gewissen Etwas eben nicht bloß als Statisten oder Lieferanten für unlustige Gags benutzt, sondern sie einfach auch mal ins Zentrum des Geschehens treten lässt. Wenn man einer jungen Frau mal nicht den Ball, das Padel, die Wasserflasche oder sonst was ins Gesicht knallt, sondern sie einfach als junge Frau mit Gefühlen zeigt, dann erleben wir, nein, auch wieder keine Überraschung, aber wenigstens einen Einblick in eine Geschichte, die kein „idiot plot“ ist.
 
Wenn man die Fußballleidenschaft eines jungen Mannes nicht als Handlungselement sondern als etwas zeigt, über das man Gemeinsamkeiten finden kann, dann lässt dieser Film mal eine echte Entwicklung zu. Wenn man einen jungen Mann den Rest der Gruppe erinnern lässt, „Ihr habt mich schon wieder vergessen, Ihr Arschlöcher!“, dann liefert die Obszönität keinen billigen Lacher, sondern vermittelt seine Frustration. Und wenn die ganze Gruppe – im Gegensatz zu den Betreuern – recht schnell erkennt, dass dem Helden „das gewisse Etwas“ fehlt, dann sehen wir für wenige Augenblicke einen sehr viel originelleren und unterhaltsameren Film, der diesen Menschen auch sehr viel eher gerecht geworden wäre.
 
Leider bekommen wir über weite Strecken der recht langen, weil oft langweiligen 91 Minuten, bloß unterdurchschnittliche deutsche Comedy-Dutzendware geboten, von Marc Rothemund beliebig und recht uninspiriert inszeniert. Nette, aber belanglose Bilder werden mittelmäßig interessant und ein bisserl schlampig aneinandergereiht. Rothemund vermittelt kaum Gefühl für Zeit und Raum. Bei ihm fährt ein Bus schon mal geografisch sinnlos durch die Gegend, da fahren schon mal sieben Leute in einem Auto zum Einkaufen, in dem höchsten fünf Personen Platz hätten, da verschwinden auch schon mal von einer Einstellung zur nächsten Teller und Geschirr von einem Tisch.
 
Unter einer solch beliebigen Regie und nach einem ebenso beliebigen Drehbuch können Darsteller*innen nur zeigen, was sie selbst mitgebracht haben. Das ist bei Mala Emde („Meine Tochter Anne Frank“) eine überaus sympathische Ausstrahlung, aber sonst leider nicht viel. Das ist bei Max von der Groeben eine ansprechende physische Erscheinung, die sich seit seiner Mitwirkung in den siebzehn Teilen der „Fack ju Göhte“-Reihe und dem Spin-off „Chantal im Tralalaland“ noch weiterentwickelt hat, aber sonst leider auch nicht viel.
 
Jasmin Schwiers hat ihr Talent erst kürzlich in einer unergiebigen Rolle in „Das Kanu der alten Fernsehkomiker“ verschwendet und bleibt diesem Muster auch hier treu, in einem Fragment einer Rolle, die durchaus interessant hätte werden können, wenn sie der Drehbuchautor nur fertig geschrieben hätte. Florian Lukas hat erst letztes Jahr in dem Fernsehfilm „Rosenthal“ eine beeindruckende Leistung gezeigt. Und auch hier ist es beeindruckend, wenn er seiner Rolle Ansätze von Tiefe und Dimension verleiht, die ihr das Drehbuch verwehrt hat.
 
Die wahren Stars des Films wären die Darsteller*innen mit dem „gewissen Etwas“ gewesen. Antonia Riet sorgt dafür, dass die zweite Liebesgeschichte des Films nicht an den Haaren herbeigezogen und peinlich wirkt. Natalie Kim Lehmann bereichert den Film mit frecher Lebendigkeit, die ihm so dringend fehlt. Frangiskos Kakoulakis vermittelt sehr viel mehr coole Intelligenz als der ganze Rest des Films. Simon Rupp lässt uns erfahren, wie sich Freundschaften entwickeln. Ferdinand Kuner spielt einen vielfach interessierten und ebenso interessanten jungen Mann, dessen Interesse wir stets nachvollziehen können. Und ebenso können wir nachvollziehen, wie die von Linus Bade dargestellte Figur mal nicht vergessen werden will. Sie alle und ihre anderen Kolleg*innen mit dem gewissen Etwas sind es, die diesen reichlich altmodischen Film gelegentlich interessant werden lassen.
 
Fazit
 
Es werden tatsächlich immer noch Filme gedreht, in denen Minderheiten nur von außen betrachtet, statt ins Zentrum der Geschichte gestellt werden. In diesem Fall haben die Macher des Films leider einfach nicht bemerkt, dass die Menschen mit dem „gewissen Etwas“ sehr viel interessanter gewesen wären, als ihr altmodisches, mittelmäßiges Filmchen.
 
 
Autor: Walter Hummer
 
 



Gibt es unter unseren Leser*innen noch viele Fans von John Carpenter?
 
These men no longer feel pain
 
Aus der Einladung zur Pressevorführung von „Onslaught“: “Nach einem fehlgeschlagenen Militärexperiment zieht eine Einheit genetisch modifizierter Supersoldaten eine Spur der Verwüstung durch das amerikanische Hinterland. Ausgerechnet Army-Veteranin Celeste stellt sich ihnen mit maximaler Energie entgegen. Denn um eine Killermaschine aufzuhalten, musst du selbst zur Killermaschine werden!
 
Ich könnte jetzt gleich anfangen, aufzuzählen, was alles an diesen wenigen Zeilen schon nicht stimmt, bevor ich mich den vielen, vielen Defiziten des Films selbst widme. Aber das Leben ist hart genug, da muss man zu sich und seiner Umwelt nicht härter sein als nötig. Also versuche ich etwas Positives oder wenigstens irgendwie Besonderes an Adam Wingards neuem Film zu finden und damit anzufangen.
 
Und das Einzige, das mir aufgefallen ist, wäre die offensichtliche Begeisterung Wingards für das Werk John Carpenters. Und die ist ja auch ebenso berechtigt wie nachvollziehbar. John Carpenter ist einer der wichtigsten und originellsten Filmemacher der Siebziger- und Achtzigerjahre. Filme wie „Dark Star“, „Die Klapperschlange“ oder „Sie leben“ sind nicht bloß Meisterwerke, sie haben Generationen von Filmemachern beeinflusst. So auch den Regisseur und Co-Autor von „Onslaught“ Adam Wingard. Das ist nichts ganz Neues, für alle, die Wingards frühen Thriller „The Guest“ gesehen haben.
 
Aber die Vielzahl von Referenzen an die Filme von Altmeister Carpenter in Wingards neuem Film würde locker für ein Trinkspiel reichen. Einfach bei jeder ganz offensichtlichen Hommage an die alten Filme von Carpenter einen Kurzen kippen. Allein die Filmmusik, die an einigen Stellen fast den Tatbestand des Plagiats erfüllt, ist geeignet einen während des Films fahrunfähig werden zu lassen. Die Augenklappe der Heldin ergibt innerhalb der Handlung wirklich gar keinen Sinn und kann gar nichts anderes als eine Referenz an Snake Plissken sein, also Prost. Das ewige Herumstehen der Killer vor den Fenstern ihrer Opfer imitiert Michael Myers und beschert einen Vollrausch. Und die Schrifttype des Abspanns kann – je nach Konstitution der Filmfans - den Unterschied zwischen einem normalen Besäufnis und einer ausgewachsenen Alkoholvergiftung ausmachen.
 
An verschiedenen Stellen sind diese vielen Referenzen nicht nur schlecht für die Leber, sie stören auch den Film. Das ständige Gekreische der Heldin von „Onslaught“ ist sicher eine nette Verbeugung vor der ewigen „Scream-Queen“ Jamie Lee Curtis. Aber irgendwann kann man nicht mehr ignorieren, wie unpassend es ist, wenn eine erfahrene Soldatin mit jeder Menge Kampferfahrung in diesem einen Film mehr herumschreit als Jamie Lee Curtis und ihre Mutter Janet Leigh im Laufe ihrer beider gesamter Karrieren. Ich war noch nie in einem Boot Camp der US Army, aber ich bin mir ziemlich sicher, das Gekreische in gefährlichen Situationen wird einem dort als erstes abgewöhnt. Danach bekommt man vermutlich beigebracht, bei einem Überfall durch schwer bewaffnete Killer, die eigenen Waffen bei sich zu behalten. Eine Lehre, von der die Heldin dieses Films auch noch nie gehört hat.
 
Aber was hat „Onslaught“ all jenen Filmfans zu bieten, die keinen Vorwand für einen Vollrausch suchen? Nicht viel ehrlich gesagt. Eigentlich nix. Die Handlung ist dümmer als dumm. Die Beschränkungen des Budgets sind in fast jeder Szene offensichtlich. Die „Einheit genetisch modifizierter Supersoldaten“ besteht aus drei schlecht gekleideten Stuntleuten und die angepriesene „Spur der Verwüstung durch das amerikanische Hinterland“ besteht aus einem Überfall auf einen Truckstop und einem weiteren auf einen Trailerpark und dann findet die Spur bereits ihr Ende. Und echte Spannung mag auch nie aufkommen, weil die klischeehafte Figurenzeichnung keinen Zweifel zulässt, wer überleben wird und wer nicht. Solchen Mut, wie ihn John Carpenter bei der Auswahl der Opfer in „Assault on Precinct 13“ gezeigt hat, lassen die Studios im 21. Jahrhundert gar nicht mehr zu.
 
Adam Wingard hat leider nicht einmal den Mut, seinen Film mal richtig trashig werden zu lassen. Und obwohl er weniger einen Action- als einen bloßen Gewaltfilm gedreht hat, benutzt der Regisseur die Dunkelheit der Szenerie und kreative Kamerawinkel, um dann doch nicht genug zu zeigen, dass dieser Film vielleicht als Splatter-Film funktionieren könnte. Dabei zeigt Wingard genug Kompetenz als Filmemacher, uns nicht einmal den Gefallen zu tun, seinen Film auf interessante Art und Weise schlecht geraten zu lassen. Das Ganze ist 92 zähe Minuten lang nichts anderes als einfach nur mittelmäßig.
 
Put them somewhere safe
 
Dazu passen auch die Einzelleistungen der Darsteller*innen. Hauptdarstellerin Adria Arjona ist eine dieser wunderschönen Frauen, denen offensichtlich nie jemand widersprechen mag, wenn sie meinen, Schauspielerinnen zu sein. Laut meinen Recherchen habe ich Frau Arjona im Laufe der letzten Jahre in nicht weniger als sechs verschiedenen Filmen gesehen (darunter solche Kracher wie „Morbius“ und „Blink Twice“). Offensichtlich hat sie in keinem dieser Filme großen Eindruck auf mich gemacht. Daran hat auch „Onslaught“ nichts geändert.
 
Ich unterstelle mal, Adam Wingard ist nicht nur ein Fan von John Carpenter, sondern ganz allgemein von Actionfilmen und Krimis vergangener Jahrzehnte. Und so beschert uns „Onslaught“ ein Wiedersehen mit dem mittlerweile über siebzigjährigen Reginald VelJohnson, dem Mann, der den entscheidenden letzten Schuss in „Die Hard“ abgefeuert hat.
 
Dan Stevens ist einer der wandelbarsten Darsteller unserer Zeit. Wer den Mann nur aus „Downton Abbey“ kennt, hat viel verpasst. Etwa seine intensiv-gruselige Darstellung in „The Guest“, aber auch sein komödiantisches Talent in „Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“. Nach seiner herrlich überdrehten Darstellung eines deutschen Mad-Scientist in „Cuckoo“ gibt er hier eine noch bescheuertere Version eines deutschen Mad-Scientists. Schön, wenn Herr Stevens eine Nische für sich gefunden hat. Jetzt wo Udo Kier tot ist.
 
Drew Starkey („Love Simon“) spielt hier eine Rolle, die noch ein bisschen bescheuerter ist als die von Dan Stevens. Rebecca Hall („Godzilla x Kong: The New Empire“) hat in diesem Film bloß drei Szenen. Die erste dieser Szenen ist schräg, die zweite ist reine Exposition und die dritte ist schräge Exposition. Warum sie mit sowas ihr Talent verschwendet, muss sie selbst wissen. Das gleiche gilt für Michael Biehn („Terminator“, „Aliens“), der bloß zwei Szenen hat. Ein kleines Mädchen namens Blake Kennedy spielt eine Rolle, die man besser vor Drehbeginn gestrichen hätte.
 
Fazit
 
Außer einem Trinkspiel für Fans von Altmeister John Carpenter hat dieser extrem mittelmäßige Film wirklich nichts Besonderes zu bieten. Ein Film von bescheidenem Unterhaltungswert, wie er uns auf jedem Streamingdienst zu Dutzenden angeboten wird.
 
 
Autor: Walter Hummer
 
 



Mit 88 Jahren legt Ridley Scott seinen neuesten Film vor.
 
Gegensätze ziehen sich an
 
Nicht erst seit der Covid-19-Pandemie sprießen Endzeitgeschichten wie Pilze aus dem Boden. Schon in den letzten 15 Jahren erfreuen sich dystopische Filme und Serien, angeheizt etwa durch den Erfolg der Zombiesaga „The Walking Dead“, enormer Beliebtheit. Die Zeiten, in den wir leben, sind unruhig und produzieren bei vielen Menschen Ängste vor der Zukunft, die wiederum in fiktionalen Erzählungen weitergesponnen werden. Was, wenn die Welt, wie wir sie kennen, verschwindet? Unsere Zivilisation irgendwann untergeht? Die Menschheit wirklich am Abgrund steht? Fragen wie diese scheinen im Angesicht des Klimawandels, des Vormarsches autoritärer Kräfte und immer stärker polarisierter Gesellschaften drängender denn je.
 
Auch Ridley Scott, der zuletzt mit der Fortsetzung seines Sandalenepos „Gladiator“ in den Kinos vertreten war, nimmt sich in seinem neuen Werk dieser Thematik an. Als Grundlage diente dem nimmermüden, 1937 geborenen Briten der 2012 veröffentlichte Bestseller „Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte“ (Originaltitel: „The Dog Stars“) aus der Feder von US-Schriftsteller Peter Heller. Auch wenn es sich nicht um eine Science-Fiction-Arbeit im engeren Sinne handelt, kehrt Scott in gewisser Weise zu den düsteren Visionen seiner frühen Meisterwerke „Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) und „Blade Runner“ (1982) zurück. Kann man unter extremen, lebensbedrohlichen Umständen noch menschlich sein? Dieser Gedanke spielt auch in „Das Ende der Sterne“ – so firmiert die Romanadaption hierzulande auf der großen Leinwand – eine zentrale Rolle.
 
Im Mittelpunkt steht der frühere Mechaniker Hig (Jacob Elordi), dem eine verheerende, die Menschheit fast auslöschende Viruspandemie seine Ehefrau nahm. Ihr gemeinsames Kind starb noch vor der Geburt. Jahre nachdem die Seuchenkatastrophe die Zivilisation zerstört hat, lebt er in einer Zweckgemeinschaft mit dem taffen Bangley (passend besetzt: Josh Brolin) auf einem verlassenen Flugplatz im US-Bundesstaat Colorado. Gemeinsam schützen die beiden Männer ihr Refugium gegen andere Überlebende. Mit seinem treuen Vierbeiner Jasper unternimmt der Pilot Hig in einer alten Cessna-Maschine außerdem regelmäßig Ausflüge in die verfallene Großstadt Denver, um dort Vorräte zu besorgen. Einen Zwischenstopp legt er meistens bei einer mennonitischen Gemeinschaft ein, die er mit kleinen Lieferungen versorgt.
 
Hig ist ein Samariter. Ein Mann, der selbst unter widrigsten Bedingungen auch an andere denkt und bei Konfrontationen nicht sofort den Abzug drückt. Dem, was er verloren hat, trauert er nach. Gleichzeitig will er die Hoffnung auf neuen Zusammenhalt, eine Zukunft jenseits des täglichen Überlebenskampfes nicht begraben. Ganz im Gegenteil zu seinem Kompagnon Bangley, den genau das, die knallharte Verteidigung des eigenen Rückzugsortes, komplett auszufüllen scheint. Der waffenschwingende Haudegen hat sich schon lange auf ein Untergangsszenario vorbereitet, erkennt darin den echten American Dream, atmet in seinem rücksichtslosen Individualismus, seiner Shoot-First-Don’t-Talk-Devise den Geist des Trumpismus.
 
Platz für Gefühle
 
Für die Gegenüberstellung der beiden so konträren Figuren nehmen sich Scott und Drehbuchautor Mark L. Smith (schrieb unter anderem das Skript für den preisgekrönten Survival-Western „The Revenant - Der Rückkehrer“) ausreichend Zeit. Als Higs geliebter Hund jedoch bei einem Überfall durch Plünderer getötet wird, ist für den jungen Piloten der Moment gekommen, mit seiner Cessna weiterzuziehen und einem mysteriösen Funkspruch zu folgen, auf den er schon öfters gestoßen ist.
 
Mit diesem Entschluss bekommt „Das Ende der Sterne“ eine neue Dynamik,. Immerhin trifft der Held schon bald auf zwei andere Überlebende, die inmitten der Verheerung ihr eigenes kleines Reich errichtet haben. Cima (Margaret Qualley) und ihr nur Pops genannter Vater (ein anfangs herrlich grantiger Guy Pearce) bauen Vertrauen zum bruchgelandeten Hig auf. Mehr noch, zwischen ihm und der jungen Frau, die, so wie er, um ihren durch die Pandemie dahingerafften Ehepartner trauert, entwickeln sich Gefühle – was Ridley Scott erfreulich dezent in Szene setzt.
 
Existenzielle Überlegungen berührt „Das Ende der Sterne“ oft nur kurz. Etwa die Frage, ob die Menschheit schon vor dem tödlichen Virusausbruch von Grund auf verdorben war. Als an den Charakteren interessiertes, nicht von Knalleffekten bestimmtes postapokalyptisches Drama mit atmosphärischen Untergangsbildern und majestätischen Landschaftsimpressionen funktioniert der Film dennoch recht gut. Zumindest rund 80 Minuten lang. Danach knirscht es leider immer lauter.
 
„Das Ende der Sterne“ bläst die Romanhandlung in der letzten halben Stunde unnötig auf und verfällt dabei teilweise in blinden Aktionismus. Krampfhaft heraufbeschworene Schockmomente und Endzeitklischees häufen sich. Passagen wie ein nächtlicher Angriff, der im Stil eines horrorartigen Computerspiels arrangiert ist, beißen sich mit dem zuvor eher geerdeten, realistischen Ansatz. Zusammen mit dem Pathos, das vor allem in den finalen Minuten massiv anwächst, reißt der Film so einiges von dem ein, was er sich vorher sorgsam aufgebaut hat.
 
Fazit
 
Wie viele Werke in Ridley Scotts Schaffen der jüngeren Vergangenheit kann auch „Das Ende der Sterne“ nicht vollends überzeugen. Handwerklich ist die prächtig fotografierte Buchverfilmung sauber, inhaltlich geht es irgendwann allerdings bergab – und bis zum Schlussbild nicht mehr wirklich bergauf.
 
 
Autor: Christopher Diekhaus
 
 



Mit seinem Skript zu ONE NIGHT ONLY schaffte es Travis Braun zunächst auf die sogenannte Black List, auf der jährlich besonders vielversprechende, bislang noch nicht verfilmte Drehbücher gesammelt werden.
 
Lange blieb der Stoff danach nicht ohne Produzenten. Universal griff zu und verpflichtete Will Gluck als Regisseur, der mit WO DIE LÜGE HINFÄLLT bereits bewiesen hatte, dass er mit modernen romantischen Komödien umgehen kann. Gluck nahm selbst noch Veränderungen an der Vorlage vor, offiziell wird jedoch ausschließlich Braun als Drehbuchautor geführt. Die Ausgangsidee erinnert dabei durchaus ein wenig an THE PURGE – nur dass hier nicht das Verbrechen, sondern Sex für eine Nacht von allen gesetzlichen Einschränkungen befreit wird.
 
Nacht der Abenteuer
 
In dieser Zukunftsversion der USA sind sexuelle Beziehungen vor der Ehe seit drei Jahren verboten. Damit sich die Bevölkerung auch daranhält, wird jeder Mensch mit einem Chip ausgestattet, der Verstöße registriert. Allerdings macht der Staat einmal jährlich eine Ausnahme: In einer einzigen Nacht darf jeder mit jedem ins Bett steigen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Genau darauf hat Owen lange gewartet, denn er möchte die Gelegenheit mit seiner Freundin nutzen. Die macht ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung.
 
Allie wiederum hofft, während der besonderen Nacht endlich den richtigen Mann zu finden. Owen und Allie begegnen sich dabei immer wieder, obwohl ihre jeweiligen Pläne zunächst in ganz andere Richtungen führen.
 
Tolle Chemie
 
Dass dieses Gesellschaftsmodell nicht unbedingt einer genaueren Überprüfung standhält, versteht sich von selbst. Der Film versucht zwar irgendwann, die technische Seite der Überwachung etwas genauer zu erläutern, wirklich plausibler wird die Konstruktion dadurch jedoch nicht. Wer sich darauf einlässt, bekommt immerhin eine romantische Komödie, die ihre Figuren in eine ungewöhnliche Situation versetzt. Owen und Allie sind keineswegs sofort aufeinander fixiert, sondern verfolgen zunächst hartnäckig ihre eigenen sexuellen Ziele. Daraus entwickelt sich eine turbulente Odyssee durch die Nacht, bei der Gluck einige erfreulich schräge Situationen auffährt.
 
Interessanter wäre ONE NIGHT ONLY womöglich geworden, wenn der Film seine gesellschaftliche Ausgangslage stärker für Satire genutzt hätte. Ob Travis Brauns ursprüngliches Skript in dieser Hinsicht bissiger angelegt war, lässt sich schwer sagen. Gluck jedenfalls hält sich mit Angriffen auf Moralvorstellungen, staatliche Kontrolle und gesellschaftliche Erwartungen auffallend zurück. Dabei steckt gerade darin reichlich Potenzial: Weil alle nur diese eine Gelegenheit pro Jahr bekommen, wird aus der vermeintlichen sexuellen Freiheit plötzlich eine Pflichtveranstaltung. Jeder will das Maximum aus wenigen Stunden herausholen, wodurch aus Lust schnell Leistungsdruck entsteht.
 
Parallel entdecken Owen und Allie, dass Nähe und Intimität eben nicht automatisch mit Sex gleichzusetzen sind. Aus dieser Konstellation hätte eine ziemlich böse Gesellschaftssatire entstehen können. Gluck entscheidet sich stattdessen für die wesentlich harmlosere Variante und konzentriert sich auf die Liebesgeschichte.
 
Wenig Sex
 
Das funktioniert vor allem dank Callum Turner und Monica Barbaro. Zwischen beiden stimmt die Chemie, sodass man ihrer allmählichen Annäherung gerne folgt. Auch komödiantisch harmonieren sie gut miteinander. Gerade wenn der Film seine ohnehin absurde Grundidee konsequent ausreizt und einzelne Situationen ins Groteske steigert, entstehen einige ausgesprochen amüsante Momente. Gleichzeitig bekommt die Geschichte genügend Gefühl, ohne allzu klebrig zu werden. Die Botschaft fällt entsprechend klassisch aus: Der vermeintlich perfekte Sex ist weniger wert als eine echte emotionale Verbindung.
 
Bemerkenswert ist allerdings, wie zurückhaltend ONE NIGHT ONLY angesichts seines Themas bleibt. Glucks ursprüngliche Fassung soll wesentlich freizügiger gewesen sein, doch davon ist im fertigen Film wenig übriggeblieben. Selbst für eine Produktion, die in den USA ein R-Rating erhielt, geht es erstaunlich sittsam zu. Der Regisseur begründete diese Entscheidung mit einem veränderten Verhältnis der Gen Z zu Nacktheit und Sex im Kino. Das jüngere Zielpublikum empfinde entsprechende Szenen häufig als unangenehm. Ob diese Einschätzung tatsächlich verallgemeinert werden kann, sei dahingestellt. Sicher scheint nur: Eine vergleichbare Komödie hätte vor zwei oder drei Jahrzehnten wahrscheinlich deutlich mehr gewagt.
 
Fazit
 
ONE NIGHT ONLY ist letztlich eine sympathische, optisch ansprechende und angenehm kurzweilige Romcom mit einer originellen Ausgangslage, die wesentlich mehr satirisches Potenzial besitzt, als der Film ausschöpft. Dass die nächtliche Tour trotzdem Spaß macht, liegt vor allem am bestens aufgelegten Hauptdarstellerduo Turner und Barbaro. Übrigens: Es gibt auch zwei Cameos von Glen Powell und Sydney Sweeney, Glucks Stars aus WO DIE LÜGE HINFÄLLT, aber nur in Form von zwei Fotos.
 
Autor: Peter Osteried
 
 



Jason Statham ist – mal wieder – in seinem Element.
 
Mit MUTINY liefert er in diesem Jahr schon den zweiten Actionfilm ab. SHELTER ließ ihm noch ein paar dramatische Momente, die ein bisschen Schauspiel erforderten, bei MUTINY muss er nur seine Coolness zur Schau stellen und die Kampfchoreographien routiniert herunterreißen. Das kann er. Erwartet man nicht mehr, ist das gute Kinounterhaltung.
 
Einer gegen alle
 
Cole Reed ist ein Bodyguard, dessen Auftraggeber und Freund bei einem Hinterhalt ermordet wird. Die Spur führt zu einem Schiff des Reeders, auf das sich Cole schleicht. Auf dem Meer merkt er dann, dass hier Menschen in Containern geschmuggelt werden. Mit Hilfe der kurzfristig auf das Schiff versetzen Angie Alice versucht er nun, die Menschen zu retten, während der Käpt’n und seine Crew Jagd auf sie machen. Aber Cole Reed ist eine Ein-Mann-Kampfmaschine …
 
Wie man so schön sagt
 
Im Englischen gibt es das Kürzel „SSDD“, was für „same shit, different day“ steht, also „gleiche Scheiße, nur ein anderer Tag“. Daran muss man mittlerweile bei einem Jason-Statham-Action-Vehikel denken, denn die meisten seiner Filme haben keine elaborierten oder wenigstens halbwegs originellen Geschichten. Sie sind völlig austauschbar. Wie sehr, zeigt übrigens auch eines der Plakatmotive für MUTINY, das ganz klar an STIRB LANGSAM angelegt ist.
 
Statham ist mal wieder der coole Ex-Cop und Ex-Special-Forces-Soldat, der immer alles im Blick hat, der jeden Kampf meistert, der einfach nicht zu besiegen ist. Spannung kommt insofern nur bedingt auf, da man eh weiß: Statham wird das schon schaukeln, egal, welche Gegner sich ihm in den Weg stellen. Das sieht schön aus, weil Statham weiß, wie er sich bewegen muss. Gerade die Mann-gegen-Mann-Fights sind immer wieder Hingucker, auch wenn sie nichts grundlegend Neues bieten (eventuell abgesehen vom kreativen Einsatz eines Vorhängeschlosses).
 
Kurz und knackig
 
Zur Seite steht ihm Annabelle Wallis, die sich als einzig wackeres Mitglied der Crew auch gut schlägt, aber im Grunde nur Resonanzboden für Stathams Figur ist. Damit die auch mal was sagen kann und nicht stumm und stur auf Schurkenjagd gehen muss. Dazu kommt eine rührselige Backstory für die Dame und auch Stathams Figur hat natürlich ein Minimaltrauma in der Vergangenheit. Aber beides wird en passant abgehandelt und ist im Grunde auch völlig irrelevant.
 
Die Figuren sind allesamt nur Stereotypen ohne erkennbare charakterliche Ausbildung. Hier wurde auf gut Deutsch gesagt eine 08/15-Story heruntergerissen, die ein paar Standards abdecken muss, aber mehr auch nicht sein muss.
 
Im Grunde ist kurios, dass derlei Filme überhaupt noch ins Kino kommen. Früher wäre das Filmfutter für die Videotheken gewesen und auch heutzutage ist ein Film wie dieser besser im Streaming aufgehoben.
 
Vermutlich wird Statham dort auch über kurz oder lang mit neuen Filmen landen, schickt er sich doch mittlerweile an, in die Fußstapfen von Charles Bronson zu treten, der im höheren Alter auch fast nur Actionfilme gedreht hat. Aber immerhin: Statham weiß, was er kann. Er weiß, was sein Publikum will, und er bietet genau das.
 
Soll heißen: Wenn man bei einem Statham-Film nicht mehr als ordentliche Action erwartet, dann ist man hier gut aufgehoben.
 
Fazit
 
Zur Ruhe kommt Jason Statham nicht, weder in MUTINY, noch generell, denn weitere Actionfilme hat er auch schon angekündigt, darunter ein Sequel zu BEEKEPER, der auch alles andere als einfallsreich war. Aber gut, Statham ist mittlerweile eine Marke, der vielleicht einzig echte Actionstar, den es noch gibt, da er im Grunde auch nur selten etwas abseits von Krachbumm-Filmen macht. Beinharte Fans gehen also ins Kino, alle anderen können auch den Streaming-Start erwarten.
 
 
Autor: Peter Osteried